Kopierschutz im Web

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Gestern war ich zu Gast bei der Europäischen Kommission in Brüssel auf Einladung des Mitglieds der schwedischen Piratenpartei im Europaparlament, Amelia Andersdotter. Eigentlich wollte sie selbst vor der Expertengruppe zur Standardisierung von ICT eine Rede darüber halten, warum der Einbau von Kopierschutzmechanismen (DRM) in die Kerntechnologie des Internets (HTML) eine schlechte, ja gefährliche Idee ist. Da aber gleichzeitig das Europaparlament in Strasbourg tagte, hatte sie ihren Mitarbeiter Ulf Pettersson und mich gebeten, sie zu vertreten, da ich „Invited Expert“ in der HTML-Arbeitsgruppe des World Wide Web Consortiums (W3C) bin. 😉

DRM in HTML wird von vielen Organisationen abgelehnt:

  • DRM zementiert geschlossene Ökosysteme von Unternehmen wie Google, Microsoft und Apple, statt Wettbewerb und Innovation zu fördern.
  • Wie die Electronic Frontier Foundation aufzeigt, ist DRM in Audio und Video erst der Anfang. Andere Industrien werden die gleichen Privilegien fordern wie Hollywood. Ich möchte kein Web, in dem ich keinen Text mehr copy & pasten kann, in dem ich keine Inhalte ausdrucken kann, oder wo ich Texte nicht mehr offline lesen kann.
  • DRM verstößt gegen die Prinzipien des „Open Web“. Es schließt Open Source-Entwicklungen aus und führt über länderspezifische Beschränkungen zu einer Fragmentierung des Internets, was den Bestrebungen eines Europäischen Binnenmarktes zuwiderläuft.
  • Es verstößt gegen die Eigentumsrechte der EndverbraucherInnen, indem verschlüsselte Blackbox-Software auf dem Rechner installiert wird, deren Funktionsweise und Sicherheit sich den Nutzerinnen und Nutzern entzieht.
  • DRM greift in das Urheberrecht und in das Recht auf Meinungsfreiheit ein. Damit wird eine technische Realität geschaffen, die derzeit politisch in der Europäischen Kommission und im Europaparlament noch in der Diskussion ist.
  • Der eigentliche Problem ist nicht der Schutz von Inhalten, sondern wie Urheber und Produzenten ihre Inhalte online verkaufen können. DRM ist dafür keine Lösung. Politische Entscheidungen sollten von demokratischen, politischen Gremien getroffen werden, nicht von Standardisierungsorganisationen.

Amelia’s Text kann ausführlich auf ihrer Website nachgelesen werden. Spannend bei dieser Sitzung war zu sehen, wie der Vertreter des W3C beinahe einen Herzinfarkt bekam und plötzlich sehr zurückruderte, als Ulf ankündigte, dass ein Standard, der gegen geltendes EU-Recht verstöße, nicht von den Regierungen in der Europäischen Union unterstützt werden könnte.

Interessant waren auch die netzwerkenden Gespräche am Rande, bei der sich zeigte, dass viele der Industrie- und Ländervertretungen Verständnis für unsere Kritik haben, aber auch in der Kommission selbst zeigte sich Unterstützungswille. Zuguterletzt fand Amelia’s Vorstoß auch im W3C selbst Beachtung, weil die Entscheidungsträger nun sehen müssen, dass es im Europäischen Parlament und möglicherweise auch in der Europäischen Kommission starken Widerstand gegen diese Pläne gibt (und weil ich es als post-berechtigtes Mitglied auf die richtige Mailingliste sendete 😉 ).

Eigentlich war die Frist für formelle Einwände wie die der EFF abgelaufen, das W3C wollte am 6. Juni 2013 bei der Sitzung des Advisory Committees in Tokio darüber entscheiden, aber CEO Jeff Jaffe schrieb am 11., weder das W3C noch dessen Direktor Tim Berners-Lee hätten bereits eine Entscheidung getroffen. Das heißt jetzt ist der Augenblick, dem W3C seinen Dissens mitzuteilen!

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Ein Kommentar zu Kopierschutz im Web

  1. Freedem sagt:

    Das geht ja leider schon seit Jahren so. Es wird versucht, eine Sache, die allen Menschen nutzt, zu illegalisieren, sie in wirtschaftlich verwertbare Strukturen aus dem 20. Jahrhundert zu pressen. Und es wird auch immer weiter solche Vorstöße geben.

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